Zeitschleife - ein fiktives Tagebuch

Ein Mann verliert alles was er hat, und hat nur noch einen Wunsch. Nochmals vorne zu beginnen. Eines Tages wird ihm dieser Wunsch erfüllt. .... Wie reagiert aber ein 6-jähriger, der grade eingeschult wurde mit dem Geschichtswissen des 38-jährigen und den anderen Dingen auf dieses "Geschenk"? --- Lasst euch überraschen.

Dienstag, Oktober 11, 2005

Ein Brief an meine ungeborenen Kinder für die Geheimschatulle.

Liebe Jungs,

seit 6 Tagen habe ich nun nichts in mein Tagebuch geschrieben. Doch die Erlebnisse sind so intensiv, dass ich diese nur schrittweise verarbeiten werde.

Ich sitze hier auf dem Dachboden eines Hühnerstalls, der mein „Geheimversteck“ ist. Ich habe ihn von meinem Großvater bekommen, der schon 7 Jahre tot sein wird, wenn der Größere von Euch beiden zur Welt kommt.

Es ist schon lustig. Normalerweise erinnert man sich ja nicht an seine Zeit als Erwachsener, wenn man nochmals zum Kind wird. Und doch tue ich es. Ich erinnere mich noch genau an den Tag, an dem ihr getötet werdet/getötet worden werdet.

Es ist schwierig so zu schreiben, vor allem in der eigenen Kinderschrift. Ob Ihr diesen Brief je zu lesen bekommt ist fraglich, da ich nicht weiss, in wie weit ich die Geschichte beeinflussen kann, ohne euch von vornherein zu verlieren bzw. zu riskieren. Nichts ist schrecklicher als der Gedanke einerseits euch zu verlieren. Andererseits möchte ich meine Zukunft nicht nochmals so leben, wie ich sie in der Vergangenheit gelebt habe. Es ist also Zeit mich zu entscheiden.

Sobald ich eine erste wirkliche Entscheidung in die Zukunft treffe, werde ich im leeren Raum stehen, was meine persönliche Zukunft betrifft. Andererseits, weiss ich ja wo ich eure Mutter finde, um sie erneut zum richtigen Zeitpunkt kennenzulernen.

Also werde ich mein Leben nun leben, immer in Gedanken an Euch, bis zu dem Tag, an dem es geschehen soll.

Denn ich möchte euch diesen mit Kinderhand geschriebenen Brief über unsere Zukunft doch einmal lesen lassen. Auch möchte ich eure alternative Lebensmöglichkeiten erzählen, die Ihr hättet, wenn ich keine zweite Chance gehabt hätte.

Lieben Gruß
Euer wiederverjüngter Vater

Mittwoch, Oktober 05, 2005

Do. 05.10.1972 ... Innere Unruhe ....

Hilfe …. Alpträume verfolgen mich. Ich wache Schweiss gebadet auf und habe wieder die Bilder von in 33 Jahren vor Augen. Wem soll ich das erzählen? Die stecken mich 70er-Jahre üblich in ne Anstalt oder lassen mich behandeln. Es wird mir eh keiner glauben, dass ich schon 39 Jahre bin, und nur durch einen Selbstmordversuch hier gelandet bin. … Schrecklich. Das musste aber mal raus. Ich leg mich wieder hin. Gute Nacht.

Dienstag, Oktober 04, 2005

Mi. 04.10.1972 Erste sichtbare Veränderungen.

Nun gestern scheint es für viele sehr verwirrend gewesen zu sein. Weil heute wusste kaum einer, wie mit mir umzugehen. Aber es stimmt, ich war früher nie der Fussballkicker auf dem Schulhof. Doch seit meinen Kindern in 33 Jahren kicke ich auch ganz gerne. Und jetzt eben auch. Denn mit dem Wissen, sind auch die Gedanken und Gefühle zurückübertragen worden.

Letztlich wollte man mich früher, oder heute, beim ersten Durchlauf nie in der Fussballmannschaft haben, und wenn dann hat man mich ins Tor gestellt, und darauf gewartet, dass ich die Erwartungen erfülle und den Ball reinlasse. Der typische Ballverlierer und Turnbeutelvergesser halt.

Nun denn, nichts dergleichen ist passiert. Im Gegenteil, ich bin zwar als Letzter gewählt worden, und war im Tor. Aber keiner hat erwartet, dass ich den Ball fange und dann mit dem Teil drauf los stürme – wie ein 6-jähriger eben stürmt – die Pille dribble und kicke und dann auch noch ein Tor mache. Torwarttore sind schon selten. Aber ob die mich noch mal nur ins Tor stellen werden? Schaun mer mal.

Meine Eltern, meine Lehrer und Mitschüler sind in jedem Fall immer noch verwirrt. Und es ist verdammt still im Klassenzimmer. Ich meld mich schon lieber nicht mehr, damit die Anderen auch mal dran kommen.

Montag, Oktober 03, 2005

Di. 03.10.1972 ....nach dem ersten Schultag

So dieser Schultag ist dann mal rum. …. Mann Mann Mann, muss man da aufpassen, dass man nicht ständig von einer Panne zur nächsten läuft, nach allem was in der Woche so passiert ist.

Schulaufgaben hab ich auch schon wieder in Rekordzeit erledigt und fang an andere Bücher zu lesen. „Soweit die Füße tragen“, hat mein Großvater im Regal. Ist eine Geschichte eines deutschen Kriegsgefangenen, der nach dem Ende des 2. Weltkrieges die Flucht aus dem sowjetischen Straflager in Sibirien schafft und in den Iran kommt, dort von seinem leiblichen Onkel identifiziert wird und dann Anfang der 50er wieder nach Hause kommt. Spannendes Buch. Mein Opa meinte, dass es für einen 6-jährigen aber doch recht seltsam ist, so ein Buch zu lesen.

Geliehen hat er mir es trotzdem, wenn auch sich gewundert, da er nicht glaubt, dass ich es verstehe. Dabei hab ich doch die Verfilmung mit Heinz Weiss im Fernsehen und später auch den Kinofilm …. achja, der wird ja in rund 30 Jahren nochmals verfilmt … OKOK, ich vergesse es doch reichlich oft. Aber ich gewöhne mich sicher noch dran.

Wie auch immer, ich hab mir mal das Familienbild genommen mit meinen Jungs. Sie sind noch da, und meine Frau auch. Aber jetzt hat sich der Hintergrund auf dem Bild geändert. Da ist eine große grüne Fläche und im Hintergrund ein Riesenhaus, eine Villa. Nur wo? Das ist leider nicht zu erkennen.

Bin ich aufgrund meines Wissens später mal reich und berühmt? Oder einfach nur reich, oder verändert sich das Bild je nach Entscheidung? Wenn ich das nur wüsste. Am liebsten würde ich mich jetzt mit meinen Jungs an den PC setzen und eine Runde „World of Warcraft“ spielen, was aber auch nicht geht. Intel hat ja noch nicht mal den 8088-Prozessor für den PC erfunden. Oder war das schon 1972? Keine Ahnung. Aber bis zur Pentium IV-Generation dauert es halt noch ein paar Tage.

Das Buch ist übrigens spannend. Mal sehen, was ich mir demnächst aus der Kreisbibliothek hole. Oder vielleicht fährt mich Mama ja auch an die württembergische Landesbibliothek nach Stuttgart raus.

Ja, ich vergaß liebes Tagebuch, Du kennst ja meine andere Geschichte nicht, die ich im anderen Buch geschrieben habe, das jetzt in meiner geheimen Kiste im Geheimversteck ist. Ich bin ja ursprünglich aus einem Ort bei Stuttgart, und nicht aus Hamburg. Da bin ich ja nur geblieben, weil meine Wehrzeit bei der Bundeswehr in Norddeutschland sein wird. Heute in 26 Jahren. …. schon obskur. Ob ich da noch mal hinkomme. Ich denke, ich wird mal mit 16 oder 17 einen Brief ans Kreiswehrersatzamt schreiben mit Verwendungswunsch. Obwohl, ich kann den ja schon heute schreiben und in 10 Jahren abschicken. …. Moment, das Bild. Jetzt ist wieder die alte Umgebung mit den Kindern drauf.

Di. 03.10.1972 ....vor 33 Jahren wieder in der Schule.

Was für eine Aufregung. Heute war mein erster Tag in der Schule seit 33 Jahren. Naja, weiss ja keiner. Aber dann gleich in der ersten Klasse. Naja, wenigstens Heinzi hat mich gleich erkannt.

Jeder wollte wissen, wie es denn war im Krankenhaus. Und da hab ich erzählt. Ich musste nur aufpassen nicht zu geschwollen zu reden. Zumindest hatte ich desöfteren den Eindruck, dass die Anderen mich nicht verstanden haben, und mich für ziemlich „abgespaced“ gehalten haben müssen. Vor allem musste ich mich aber anstrengen mich zu erinnern, denn immerhin war ja für mich vor dem Krankenhaus immer noch die Greueltat in meiner Hamburger Wohnung – was ja von jetzt an, wenn ich es nicht beeinflussen kann in 33 Jahren wieder passiert.

Nun denn, dann ging es los. Und ganze 1plus1 und die ersten Schreibschriftversuche. Da hab ich meine Klassen- und Deutschlehrerin gleich mal geschockt. Immerhin hab ich den Unterricht simultan in Stichworten mitgeschrieben, wo die anderen grade mal die Vokale in schöner Schreibschrift geübt haben. Auch hier muss ich aufpassen, sonst wird das denen komisch.

Zumindest hat mich die Lehrerin ins Büro zitiert und mich gefragt, wo ich so schnell schreiben gelernt hätte …. uups jetzt genau überlegen:

„Ja Frau Maier, ich weiss das auch nicht. Es war einfach so da. Aber das kann ich doch schon die ganze Zeit!?!“

„Nein Pumuckl … „

„ICH WILL PEPE GENANNT WERDEN. PUMUCKL NERVT“

„…ok, tut mir leid. Aber …. Aber, sag mal, was für einen Ton nimmst Du Dir raus?“

„KEINER HAT MICH GEFRAGT, OB ICH PUMUCKL HEISSEN WILL. ICH HEISSE NEPOMUK UND MEIN SPITZNAME IST PEPE UND NICHT PUMUCKL.“

„Du warst doch sonst nicht so resolut. Was ist denn im Krankenhaus passiert?“

….. mist sie hat mich erwischt. Ich war eigentlich immer schüchtern, und hab mich so was nicht getraut. Aber himmelnochmal, endlich hab ich die Chance ein wenig zu ändern. (heute abend noch mal das Bild meiner Familie schauen. Ist ja wohl eine offensichtliche Änderung, wenn meine Lehrerin das so direkt bemerkt)

„Naja, im Krankenhaus, bei der Operation …. da hab ich geträumt. ….“

„Aber bei Operationen träumt man doch nicht“

„Doch ich hab geträumt, wie Menschen erschossen …..“ ….. war das jetzt zuviel?

„Wieso Menschen erschossen?“

„War irgendwie ein ganz doller Traum.“

„Erzähl mir mehr darüber ….“
„NEIN – MEIN TRAUM.“

Es geht meine Lehrerin nichts an, was in Hamburg passiert ist. Soll sie denken auf dem OP-Tisch ist was Traumatisches passiert …. was ja so nicht ganz verkehrt ist.

Sonntag, Oktober 02, 2005

Mo. 02.10.1972 - ..... ein nachdenklicher Abend

Jetzt sitz ich hier, auf meiner Matratze in meinem neu eingerichteten Geheimversteck. Papa hat mir sogar ne Lampe spendiert und ne Steckdose. So kann ich hier immer wieder her und auch mal da schlafen. Und heute nacht mach ich das jetzt mal. Auch wenn die Bedenken, wegen der frisch hinter mir liegenden Mandeloperation groß waren. Aber egal, Füsschen stampfen und durchsetzen war die Devise. :-)


Ich brauch das Bild von meiner Familie. Einfach zum sehen ob das so bleibt. Und jetzt wird es interessant. Mein großer Sohn der an sich blond ist hat schwarze Haare und die Frau auf dem Bild hat rote Haare.


Was hab ich so anders gemacht, daß sich das Bild geändert hat. Oder ist da eine Art Zufall dabei, weil ich jetzt diese Frau kennenlerne ... und wie ich so nachdenke verwandelt sich das Bild zurück in meine Kinder und meine Frau. Achja, sind ja noch 20 Jahre bis ich sie kennenlerne. Ob ich das jemals tue? ... Gute Nacht ich mach jetzt das Licht aus. Morgen ist wieder Schule.

Mo. 02.10.1972 - Mein Geheimversteck

Ich hab grad mit "Opa" gesprochen, und ich darf in seinem Handwerksschuppen im Garten den oberen Teil unterm Dach als "Geheimversteck" haben.


Dort werde ich jetzt erstmal ausmisten, und mich dann einrichten. Opa hat mir sogar ein Vorhängeschloss gegeben, so dass nur ich da reinkomme. Sowas hatte ich früher nie ... ein "Geheimversteck". Obwohl, jetzt habe ich "früher" ein Geheimversteck. Jetzt ist ja früher. Hier kommt alles rein. Mein Tagebuch, mein Portemonnaie aus der Zukunft und noch ein paar andere nette Sachen. Und Party machen kann ich hier auch.


Und ich darf eins nicht vergessen. Ende Juni 1982 muss ich das alles mitnehmen. Da ziehen meine Eltern in ein anderes Haus, und ich muss mein Geheimversteck aufgeben. Aber die nächsten 10 Jahre hab ich erstmal "Ruhe". Und dann ... wird sich was neues finden.

Mo. 02.10.1972 - Interessante Entdeckung....

.... ich habe etwas Interessantes entdeckt. Und zwar in meiner Hose (ich verbitte mir jegliche Zweideutigkeiten ). :-D Besser gesagt in meiner Hosentasche.


Und zwar ein Portemonnaie. Und jetzt wird es spannend. In dem Portemonnaie sind Euros drin, und ein Bild von mir im erwachsenen Alter mit der Familie. Ansonsten noch mein Europa-Führerschein, meine Eurocheque-Karte und mein Personalausweis. *gruselig


Am Besten ich versteck das mal. Es hat sich hier eine Verbindung zur Zukunft aufgetan. Wobei es jetzt interessant ist, das Bild zu beobachten, was da drauf passiert. Bleibt es wie es ist, oder verändert es sich, wenn ich an Entscheidungskreuzungen in meinem Leben komme, die das und auch zum Teil damit die Zukunft meiner näheren Umgebung beeinflusst.


Ein Problem, das ich damit jetzt gerade erkenne ist ja, dass wenn mich ein Schulkamerad verprügelt oder hänselt, das ja normal ist, weil meine Geschichte. Aber was wenn ich morgen in die Schule gehe, und mir das nicht mehr gefallen lasse? Welchen Einfluss hat das auf meine Zukunft? Und vor allem wird sich das Bild verändern? Eins ist sicher, meine Eltern dürfen das Bild und das Portemonnaie samt Inhalt nicht finden.


Immerhin habe ich eine Währung bei mir, die erst in den nächsten Jahren beschlossen wird, und dann auch noch eingeführt wird.

Mo. 02.10.1972 - Wieder zu Hause !?!

So liebes Tagebuch (Ja ich hab erstmal ein Schreibheft von meinen Eltern zum Kritzeln bekommen), hier nun meine erste Eintragung nachdem ich heute früh aus dem Krankenhaus nach erfolgter Mandeloperation entlassen wurde.


Heute bin ich noch da, dann geht es wieder ab in die Schule. Ich stell mir das ziemlich witzig vor, weil den Stoff der ersten Klasse könnte ich den Kindern genauso beibringen.
Aber zurück erstmal zu Dir. Ich hab ja einen Probeeintrag in meinem Schulheft (zum Kritzeln) gemacht. Und hab das dann meinen Eltern gezeigt. Danach hab ich dann erstmal staunende Augen geerntet und zu guter Letzt, ein richtiges verschließbares Tagebuch bekommen.
Und endlich kann ich mit meinem Großvater wieder Gaigeln. Ein schwäbisches Kartenspiel für 2 - 4 Leute (wenn man 2 Kartendecks benutzt) für 5 - 6 Leute, wenn man ein 3. Kartendeck hinzufügt.


Ich glaub ich spiel heut mit ihm wieder ne Runde. Hab ja seit letzter Woche vor der Operation, respektive seit 1987, als er gestorben sein wird (was für eine Grammatik) nicht mehr gespielt. Aber mit ein wenig Übung schaff ich das wieder. Ich kann ja jetzt meine Punkte im Kopf zusammenrechnen.


Nun, ansonsten ist es ein komisches Gefühl nicht mehr in der 3-Zimmer-Wohnung in Hamburg mit der Familie zu sein, sondern selber Junge in einer Familie vor 33 Jahren. Ich hoffe, ich dreh nicht ab an der Situation. Immerhin ist mir die S-Bahn-Fahrt noch sehr präsent. Und wenn ich eines nicht mehr mache, dann ist es in Zukunft Schaffner oder Lokomotivführer werden wollen. Mit meinem Wissen über die Zukunft, kann ich mich diesmal finanziell so absichern, daß ich ordentlich leben kann, aber gewisse Dinge sicher nicht wiederholen werde (hoffentlich ... oder gibt es sowas wie Schicksal, dass einen dann etwas anderes ereilt, um "gleich" dazustehen?).